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Was bleibt, wenn wir Abschied zulassen

24 Feb. 2026

Nicht jeder Abschied ist gleich

Drei Abschiede. Drei völlig unterschiedliche Erfahrungen. Und eine Entwicklung, die mich bis heute begleitet – in meiner Arbeit und in meinem Blick auf Trauer. Die Bilder in diesem Beitrag spiegeln das wider. Ich habe in meinem Leben mehrere große Verluste erlebt, und nicht jeder Abschied war gleich. Manche kamen wie ein Schlag, manche waren geprägt von Ohnmacht, und manche durfte ich begleiten. Genau diese Erfahrungen sind die Grundlage meiner Arbeit mit Aussicht im Wandel.

Meine Mutter und warum Verdrängung zurückschlägt

Fünf Monate vor dem Tod meiner Mutter starb mein leiblicher Vater. Diesen Verlust habe ich damals kaum an mich herangelassen. Ich wusste, was geschehen war, aber innerlich blieb ich auf Abstand. Ich funktionierte weiter, weil ich keinen Zugang zu dem Schmerz fand.

Als meine Mutter dann völlig unerwartet starb, brach nicht nur die Trauer um sie auf. Auch der verdrängte Schmerz über den Tod meines Vaters kam zurück. Plötzlich lag alles übereinander: Wut, Ohnmacht, Hilflosigkeit und eine tiefe Überforderung. Es gab Phasen, in denen ich kaum wusste, wie ich diese innere Last aushalten sollte.

In dieser Zeit war ich weit davon entfernt, gut mit mir selbst umzugehen. Irgendwann wurde deutlich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Mutter ging ich in Reha und erhielt dort therapeutische Unterstützung. Sie half mir, auch das anzuschauen, was zwischen meiner Mutter und mir unausgesprochen geblieben war, weil ihr Tod so überraschend kam. Nach und nach bekam ich wieder festen Boden unter die Füße.

Meine Schwester und das Gefühl, ausgeschlossen zu sein

Nach der Reha hatte ich wieder etwas mehr Boden unter den Füßen. Ich wusste inzwischen, dass Verdrängen mich nicht schützt, sondern nur verzögert, was irgendwann doch an die Oberfläche kommt. Gerade deshalb traf mich der Tod meiner Schwester auf eine andere Weise. Als ich davon erfuhr, war sie bereits seit mehreren Tagen tot. Die Beerdigung war zu diesem Zeitpunkt schon vorbei. Ich hatte keine Möglichkeit, mich zu verabschieden. Genau das löste in mir eine tiefe Ohnmacht aus. Etwas blieb offen, das nicht mehr geschlossen werden konnte. In mir waren Wut, Hilflosigkeit und ein Schmerz, der keinen richtigen Platz fand. Ich schreibe das nicht als Vorwurf, sondern als Beschreibung dessen, was es in mir ausgelöst hat. Wenn ein Abschied keinen Raum bekommt, wirkt er weiter, auch dann, wenn man es nicht will.

Diesmal wusste ich jedoch, dass Wegschieben keine Lösung ist. Ich habe hingeschaut, auch wenn es weh tat. Draußen, im Wald, in Bewegung und zusammen mit meiner Hündin Abbey durfte Trauer da sein. Nicht, weil es weniger schmerzhaft war, sondern weil ich ihr Raum gegeben habe. Der Wald zeigte mir in dieser Zeit etwas, das mich nicht mehr losließ: Ein Baum fällt um und bleibt liegen. Der Boden nimmt ihn auf. Es entsteht Chaos, und trotzdem bleibt der Wald schön. Alles hat seinen Platz, auch das Vergehen. Dieses geordnete Chaos machte mich neugierig. Ich wollte mehr davon verstehen. Daraus entstand später meine Ausbildung zur Wildnis- und Naturpädagogin.


Mein Stiefvater und die Erfahrung, begleiten zu dürfen

Nach dem Tod meiner Schwester wurde mir immer deutlicher, wie viel in einem Menschen zurückbleiben kann, wenn ein Abschied keinen Platz bekommt. Bei meinem Stiefvater war es anders. Nicht, weil der Verlust leichter war, sondern weil ich ihn begleiten durfte.

Über Jahre war ich regelmäßig bei ihm. Monat für Monat bin ich in meine Heimat gefahren, weil ich nicht wollte, dass er vereinsamt. Ich wollte Nähe ermöglichen, Alltag teilen und Dinge in Ruhe klären, solange noch Zeit dafür war. In dieser Zeit veränderte sich etwas zwischen uns. Vieles wurde weicher. Dankbarkeit entstand, und auch eine Form von Liebe, die vorher nicht so deutlich spürbar gewesen war.

Als er nicht mehr allein leben konnte, holte ich ihn zu mir in die Nähe. Dort lebte er nur noch zwei Monate. Wir besuchten ihn fast täglich, und der Abschied geschah nicht in einem einzigen Moment, sondern in vielen kleinen Augenblicken. Es war ein langsames Begreifen, ein Dasein, ein Stück gemeinsamer Weg bis zum Ende.

An dem Tag, als das Pflegeheim anrief, begleiteten wir ihn über mehrere Stunden. Er war nicht mehr ansprechbar, und trotzdem war vieles spürbar. Da war Schmerz, aber auch eine tiefe Ruhe. Dieser Abschied zeigte mir, was Menschen oft fehlt, wenn Trauer keinen Raum bekommt: da sein dürfen, begleiten, eine Hand halten und am Ende sagen können, was noch gesagt werden will.

Was daraus für meine Arbeit geblieben ist

Jeder dieser Abschiede hat mich etwas anderes gelehrt. Nicht nur, weil die Verluste unterschiedlich waren, sondern auch, weil ich ihnen jedes Mal anders begegnet bin. Zunächst habe ich funktioniert. Später habe ich verstanden, was verdrängte Trauer auslösen kann. Und irgendwann durfte ich erleben, wie anders ein Abschied sein kann, wenn man ihn bewusst begleiten darf.

Trauer verschwindet nicht einfach. Aber sie kann sich verändern, wenn sie einen Platz bekommt und ein Abschied menschlich gestaltet wird. Was dann bleibt, ist bei jedem Menschen anders. Manchmal ist es ein Bild. Manchmal ein Moment, der nachklingt. Manchmal das Gefühl, wirklich dabei gewesen zu sein und nicht ausgeschlossen zu werden.

Aus diesen Erfahrungen ist meine Haltung entstanden. Und genau darauf baut Aussicht im Wandel auf: Abschied sichtbar machen, Erinnerung bewahren und Menschen einen klaren, würdevollen Rahmen geben, wenn etwas im Leben zu Ende geht oder sich verändert.

Aus Respekt und zum Schutz der Privatsphäre zeige ich hier keine Fotos von Angehörigen. Die Bilder auf dieser Seite sind Naturfotografien aus der Zeit dieser Abschiede.

Wenn Sie sich in einer dieser Erfahrungen wiederfinden oder das Gefühl haben, dass ein Abschied in Ihrem Leben noch keinen richtigen Platz bekommen hat, schreiben Sie mir gerne über das  Kontaktformular.

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